Wir brauchen Zukunftsperspektiven: Funktioniert die Planwirtschaft oder ist sie gescheitert?

 

Das derzeitige System der Marktwirtschaft, des Profites, des Kapitalismus gerät immer mehr in die Krise. Es bietet den arbeitenden Menschen immer weniger Perspektiven. Millionenfache Arbeitslosigkeit, sinkende Löhne und Renten, längere Arbeitszeiten wie jetzt bei Siemens ? auf breiter Front gibt es Rückschritt. Verhältnisse, die man längst überwunden glaubte, werden wieder normal.

Ein kleines Beispiel zeigt die Dramatik, die dieser Prozess für Arbeiter und Angestellte und ihre Familien hat.

Die Hartz-Reformen werden auf breiter Front zu einer Verarmung führen. Durch Hartz II, das ab 1.1.2005 kommt, wird insbesondere die soziale Lage der Langzeitarbeitslosen dramatisch verschlechtert. Nehmen wir einen gut verdienenden, allein stehenden Ingenieur, der ca. 2200 netto verdiente. Wird er arbeitslos, erhält er für ein Jahr ca. 1320 Euro. Bisher bekam er das für bis zu 3 Jahren. Anschließend kam die Arbeitslosenhilfe in Höhe von ca. 1100 Euro. Das war bereits ein harter sozialer Einschnitt. Nun erhält er nach einem Jahr Arbeitslosengeld II, das sind im ersten Jahr 345 Euro und ein Zuschlag von 160 Euro, also 505 Euro, dazu kommt Wohngeld. Im zweiten Jahr beträgt das Arbeitslosengeld II nur noch 345 Euro und 80 Euro Zuschlag, also 425 Euro plus Wohngeld. Ab dem dritten Jahr erhält er nur noch 345 Euro und Wohngeld. Dieses Arbeitslosengeld II bekommt man aber nur, wenn kein eigenes Vermögen mehr vorhanden ist. Bis auf kleine Freibeträge müssen Versicherungen, Sparkonten, Immobilien (außer eigengenutzte), Schmuck und Wertgegenstände zuerst aufgebraucht werden, bevor man Anspruch auf Arbeitslosengeld II hat. Ist man verheiratet, sieht es noch schlechter aus. Dann wird auch der Verdienst des Ehepartners auf die Ansprüche angerechnet, sodass viele verheiratete Langzeitarbeitslose gar keinen Anspruch mehr haben. Als zumutbar gilt künftig jede legale, nicht sittenwidrige Arbeit, auch Teilzeitarbeit oder 400- Euro-Jobs. Wer eine solche ?zumutbare? Arbeit, von der er aber nicht existieren kann, ablehnt, erhält drastische Sperren. Mit dieser ?Reform? werden viele Menschen ins soziale Nichts abstürzen.

 

Das Kapital nutzt den zunehmenden Druck für immer weitere Rückschritte.

Das Kapital nutzt den zunehmenden Druck für immer weitere Rückschritte. So erhöht gerade Siemens die Arbeitszeit in einigen Werken auf 40 Stunden, streicht Urlaubs- und Weihnachtsgeld und reduziert so seine Lohnkosten in diesen Betrieben um 30%. Die anderen Kapitalisten werden sich diese Gelegenheit zur Erhöhung der Profite nicht entgehen lassen. Sie sind sogar gezwungen, für sich ähnliche Bedingungen gegen Arbeiter und Angestellte zu erkämpfen, wenn sie nicht in der Konkurrenz mit Siemens untergehen wollen.

 

Die Perspektiven in diesem System sind trübe. Viele Menschen spüren, dass sie sich auf immer härtere Zeiten einstellen müssen, dass keine Fortschritte für sie mehr zu erwarten sind. Deshalb werden auch wieder Fragen gestellt:

Wie soll das weitergehen? Welche Alternativen gibt es?

Für uns gibt es eine Alternative: die sozialistische Planwirtschaft. Doch funktioniert sie oder ist sie gescheitert?

Fragt man Wirtschaftswissenschaftler, informiert man sich in den Medien, schaut man sich Lehrpläne an Schulen an, so ist die Antwort klar und eindeutig: Planwirtschaft kann niemals funktionieren. Sie führt angeblich grundsätzlich zu Mangelwirtschaft und Ineffizienz. Der Niedergang der entarteten, ehemals sozialistischen Staaten Osteuropas muss als Beweis dienen.

 

Planwirtschaft auf betrieblicher Ebene ist im Kapitalismus Alltag

Doch was die herrschende öffentliche Meinung so heftig schmäht, ist im Kapitalismus Alltag. Jeder Großkonzern führt ganz selbstverständlich seine Produktion planmäßig durch. Ob DaimlerChrysler, Bosch, Volkswagen, Opel, Chemie-Riesen wie Bayer und Aventis, Alcatel, Ruhrkohle AG ? sie alle betreiben innerbetrieblich eine rigorose Planwirtschaft. Sie funktioniert ganz offensichtlich mal besser, mal schlechter ? aber sie funktioniert. Die Praxis des kapitalistischen Produktionsprozesses widerlegt die ideologische Ablehnung der Planwirtschaft. In den letzten Jahrzehnten konnte man sogar feststellen, dass die Planung immer straffer, immer detaillierter und immer effektiver wurde.

Die Vorstellung, Produktion ginge ohne Plan, würde bei allen Beschäftigten, ob Arbeiter, Meister, Manager brüllendes Gelächter ernten. Just-in-time ist eines von vielen gebräuchlichen Schlagworte. Dahinter steckt die bis auf die Minute geplante Anlieferung von Rohstoffen und Teilen die für die Produktion notwendig sind. Jeder Fehler in der Planung kann die ganze Produktion durcheinander bringen und zig Millionen kosten. Arbeitsvorgänge sind in der modernen Fabrik bis in Einzelheiten geplant. Der Computer hilft bei der Steuerung ? der Anlieferung von Material und Teilen, deren Bearbeitung, der Steuerung der Bänder und Taktzeiten, der Montage, der Verpackung, Auslieferung, Verkauf, Buchführung, Lagerhaltung. In der Regel sind alle diese Prozesse heute integriert, sodass die Geschäftsleitung ständig einen Überblick über Produktion, Kosten, Verkauf und Gewinn hat. Schwachpunkte sind schnell gefunden und können ebenfalls planmäßig beseitigt werden.

Die kapitalistische Planwirtschaft in der Produktion und Führung eines Konzerns ist äußerst flexibel. Ständig wird der Plan in der Realität überprüft, Störungen schnellstmöglich beseitigt. Ständig werden Produktion und Absatz kontrolliert und die Pläne korrigiert.

Diese Form der Planwirtschaft hat jedoch ein paar Haken.

 

Oberstes Ziel ist die Verwertung von Kapital zu bestmöglichen Bedingungen

Zum ersten ist das oberste Ziel die Verwertung von Kapital zu bestmöglichen Bedingungen ? also Erzielung von Höchstprofit. Das heißt, der Plan endet da, wo kein ausreichender Profit zu machen ist. Dann werden all die Werte vernichtet und dem Chaos der kapitalistischen Profitwirtschaft geopfert, die zuvor in mühevoller Arbeit planmäßig erschaffen wurden. Fabriken werden geschlossen, Waren verramscht, zig tausende Beschäftigte werden entlassen und auf die Straße geworfen. Ein Betrieb kann durchaus Gewinn abwerfen und wird trotzdem geschlossen, wenn woanders mehr Profit winkt.

Zweitens steht die kapitalistische Konkurrenz im krassen Widerspruch zu der nahezu perfekten Planung auf betrieblicher Ebene. Hier ist das Kapital zu keiner seriösen Planung fähig ? aufgrund seines Strebens nach Höchstprofit. Wird beispielsweise eine Steigerung des Absatzes bei bestimmten Produkten um 5% erwartet, so ?plant? jeder Konzern, der auf diesem Gebiet produziert, seine Produktion um 7, 8 oder 9% zu erhöhen und den Konkurrenten Marktanteile abzujagen. Am Ende gibt es eine Überproduktionskrise, die Produkte können nicht mehr abgesetzt werden. Die Folge ist Einschränkung der Produktion, Entlassungen, Firmenpleiten ? der Abstieg nach unten.

Drittens kennt die kapitalistische Produktion zwar Planung und Verantwortung im betrieblichen Produktionsprozess, aber keine Planung und Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Die Bedürfnisse der Gesellschaft, der Menschen interessieren nicht ? allein die Bedürfnisse des Kapitals nach seiner bestmöglichen Verwertung sind der Maßstab des Handelns. So zählt für das Kapital beispielsweise nicht, ob und wie ein Arbeiter in China, der hochwertige Produkte in einem 12 bis 14-stündigen Arbeitstag herstellt, von 30 Euro Monatseinkommen mit seiner Familie existieren kann. Wichtig ist allein, dass der Einsatz von billiger Arbeitskraft bei langem Arbeitstag den Profit enorm erhöht. Deshalb fragt das Kapital auch nicht danach, ob und wie ein Siemens-Arbeiter mit 40 Stunden und 30% Reallohnkürzung existieren kann. Wichtig ist nur, dass Siemens ?existieren? kann, dass der Profit stimmt.

Die Folgen der kapitalistischen Produktion interessieren das Kapital nur hinsichtlich der Möglichkeit, einen möglichst hohen Profit zu machen. Ob es dann Massenarbeitslosigkeit, Ruinierung der Umwelt, Verarmung gibt und die Gesellschaft dafür mit Milliarden aufkommen muss, das berührt das Kapital nicht. Hier ist der krasse Widerspruch zwischen der strengen Planung auf betrieblicher Ebene und den chaotischen Folgen für die Gesellschaft. Dieses System erteilt hier gerade praktischen Unterricht, wie rücksichtslos die Interessen des Kapitals durchgesetzt werden. Und trotzdem trommeln Medien, Wirtschaftswissenschaftler, Manager, Politiker, Sachverständige auf die Menschen ein: Es gebe keine Alternative.

 

Gibt es nur diesen einen Weg?

Gibt es wirklich nur diesen einen Weg? Warum soll eigentlich, das, was auf betrieblicher Ebene so perfekt funktioniert, auf gesellschaftlicher Ebene unmöglich sein? Warum soll eine gesellschaftliche Planwirtschaft scheitern?

Warum sollen Methoden, die im Betrieb zu immer höherer Produktivität und einem besseren Produktionsprozess führen, gesellschaftlich nicht ebenso erfolgreich angewendet werden können?

Nun, da sind die Erfahrungen mit der Planwirtschaft in den ehemals sozialistischen Staaten, die mit ihrer Entartung immer weiter bürokratisierten und mit ihrer Produktion die gesellschaftlichen Bedürfnisse nicht ausreichend erfüllen konnten, die schließlich aufgrund ihrer Schwächen dem Druck des Kapitalismus erlagen. Doch ist das das Ende der Geschichte? Können wir nicht aus diesen Erfahrungen und diesem Prozess lernen? Können wir nicht auch aus den Erfahrungen des Kapitalismus lernen? Können wir nicht die Erfahrungen aus der fast perfekt geplanten Produktion nutzen, um auch auf gesellschaftlicher Ebene die Wirtschaft im Interesse der Menschen, die alle Werte produzieren, zu planen und zu lenken?

Die modernen Techniken bieten zahlreiche Hilfsmittel, um Planung und Steuerung selbst in komplexen Gebilden wie multinationalen Konzernen zu ermöglichen. Softwarehäuser wie SAP bieten entsprechende Programme an. Oftmals sind die Konzerne größer und komplexer als kleine und mittlere Staaten. Warum soll dann eine Planung und Steuerung auf staatlicher Ebene unmöglich sein? Dies sind nur enge ideologische Vorurteile aus der Sicht des Kapitals, um den Denkprozess einzuengen und zu vernebeln und jede Alternative unmöglich erscheinen zu lassen.

 

Eine gesellschaftlich geplante Produktion hat viele Vorteile

Im Gegensatz zum ersten Anlauf zum Sozialismus in der Sowjetunion und anderen Ländern haben wir es heute bei der Mehrheit der Bevölkerung nicht mehr mit Analphabeten zu tun, sondern mit Menschen, die durch ihre Ausbildung und Qualifikation in der Lage sind, diese Lenkung und Steuerung der Gesellschaft und der Produktion verantwortlich zu übernehmen. In der Erklärung der ?Organisation für den Aufbau einer kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands? schrieben wir: ?Trotz der sinkenden Arbeiterzahl nimmt die Bedeutung der Arbeiterklasse für die Volkswirtschaft zu.

Das Qualifikationsniveau der Gesamtarbeiterklasse stieg erheblich. Durch ihre gewachsenen Fähigkeiten ist die Arbeiterklasse objektiv gesehen heute mehr als früher schon in der Lage, die Produktion in ihre Hände zu nehmen und zu leiten.? Die Entwicklung ist also objektiv reif für die Schaffung anderer gesellschaftlicher Verhältnisse.

Tatsächlich müsste eine gesellschaftlich geplante Produktion, die sich an den Interessen der Produzenten orientiert, viele Vorteile haben. Sie müsste die zahllosen Reibungsverluste der chaotischen kapitalistischen Produktion drastisch verringern können und so zu höherer Produktivität und Wohlstand führen. Da eine solche Produktion sich nicht am maximalen Profit orientieren müsste, sondern an den Bedürfnissen der Gesellschaft, könnten Fortschritte in der Produktion, den Wohlstand aller mehren, die Arbeitsbedingungen erleichtern und die Arbeitszeit verringern. Statt Millionen Arbeitslosen auf der einen Seite, die zum Nichtstun verdammt sind, und Millionen Beschäftigten auf der anderen Seite, die bei steigender Arbeitzeit und Überstunden ohne Ende immer brutaler ausgebeutet und körperlich und psychisch ruiniert werden, wäre Arbeit für alle bei menschlichen Arbeitsbedingungen und mit drastisch verkürzter Arbeitszeit möglich. Eine gesellschaftliche Planung der Produktion könnte auch den Raubbau an der Umwelt reduzieren, da die Umweltschäden in die gesamtgesellschaftliche Kostenrechnung einfließen würden und nicht mehr eine Trennung zwischen dem privat angeeigneten Profit und den auf die Gesellschaft abgewälzten Schäden vorhanden wäre. Wäre dies ein Paradies auf Erden? Gewiss nicht! Wir träumen nicht davon, auf Wolken zu schweben. Aber es wäre eine bessere Wirtschaftsweise im Interesse der arbeitenden Menschen.

Anstelle der Perspektivlosigkeit der derzeitigen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung bietet die sozialistische Planwirtschaft den Arbeitern, Angestellten, Rentnern, Bauern, derzeit noch Arbeitslosen, Jugendlichen usw. Zukunftsperspektiven.

ernst, Juli 2004, "Arbeit Zukunft", Nr.4/04